Noch ist es ein zartes Pflänzchen: Das Schiffsrecycling in Deutschland steht erst am Anfang. Immerhin: Mit EWD Benli hat eine erste deutsche Werft nach einem langen Genehmigungsverfahren in diesem Jahr ihre Zulassung als Schiffsrecycler erhalten. In Anbetracht der gewaltigen Zahl von in den kommenden Jahren abzubrechenden Schiffen – und befeuert durch eine wachsende Nachfrage nach heimischem und „grünem“ Stahl – könnte an den deutschen Küsten ein neuer Wirtschaftszweig aufblühen. Auch beim Recyceln von Sportbooten aus GfK tut sich einiges: gleich mehrere Firmen haben dieses zukunftsträchtige Geschäftsfeld für sich entdeckt. Ein Überblick.
Der Erfinder des Schiffs ist der Erfinder des Schiffbruchs, schrieb einmal der Dichter Karl Mickel. Ergänzend könnte man anmerken: auch eines Haufens schwimmenden, irgendwann an Land herumstehenden Sondermülls. Denn irgendwann hat einmal jedes Boot und jedes Schiff ausgedient, irgendwann gibt es keinen letzten Käufer mehr oder jemanden, der es geschenkt haben will.
Spätestens dann stellt sich die Frage: wohin mit dem Schrott? Abwracken lautet dann die Devise. Was im Großen (für die Schiffe aus Stahl) gilt, gilt ebenso für die Kleinen (Boote, insbesondere für die unzähligen Sportboote aus GfK – Glasfaserverstärktem Kunststoff). Genug Anlass für das Maritime Cluster Norddeutschland (MCN), zum Thema Schiffsrecycling im Oktober 2025 Fachleute zu einer kompakten Informations- und Diskussionsveranstaltung nach Kiel einzuladen.

„Wir wollen nicht bloß informieren, sondern auch relevante Akteure ins Gespräch bringen“, sagte Peter Moller, Geschäftsstellenleiter des MCN in Schleswig-Holstein, in seiner Begrüßung. Rund 35 Teilnehmende aus Wirtschaft, Verbänden und Forschung folgten seiner Einladung.
16.000 zu recycelnde Schiffe in den kommenden zehn Jahren stehen global deutlich zu wenigen Kapazitäten gegenüber
Zum Auftakt skizzierte Henning Gramann, Geschäftsführer und Inhaber der GSR Services GmbH, einen „Markt im Umbruch“: 16.000 zu recycelnde Schiffe in den kommenden zehn Jahren stünden global deutlich zu wenigen Kapazitäten gegenüber. „Wer den Markt richtig sondiert, hat gute Chancen“, zeigte er sich überzeugt.
Die wachsende Nachfrage nach recyceltem Stahl stütze seinen Optimismus. Andererseits beleuchtete Gramann den komplexen rechtlichen Rahmen, in dem Schiffsrecycling stattfindet, sowie die anspruchsvollen, teils langwierigen Genehmigungsverfahren als Risiken für potentielle Recyclingunternehmen in Deutschland.
Ein Weg für mehr Zirkularität ist, schon beim Schiffsentwurf ans spätere Recycling zu denken
Kamila Szwejk, Wissenschaftlerin an der Leuphana Universität Lüneburg, plädierte für mehr Zirkularität in der maritimen Branche. „Wir müssen ein klimapositives System anstreben“, forderte sie leidenschaftlich. Ein Weg sei, schon beim Schiffsentwurf ans spätere Recycling zu denken. Außerdem dürfe der Fokus der Recycler nicht allein auf dem Stahl liegen. Szwejk appellierte, zukünftig im Schiff nicht „Abfall“ zu sehen, sondern die eingesetzten Materialien als Wertstoffe: „Was wäre, wenn wir ein Schiff nicht mehr nur als Schiff, sondern als Materialbank verstehen?“ fragte sie.
Roman Luplow, Project Manager bei Inros Lackner SE und international erfahrener Werftplaner, appellierte angesichts der globalen Billigkonkurrenz an die (potentiellen) deutschen Recycler, „konsequent auf Technologie und effiziente Methoden aus der Schiffbauerfahrung“ zu setzen.
„Wir müssen anders zerlegen als die Inder und dürfen uns nicht in einen ruinösen Wettbewerb begeben“, betonte Luplow. Um wettbewerbsfähig zu werden, sollten sich deutsche Unternehmen nicht zu sehr auf die Stahlrückgewinnung konzentrieren, sondern weitere recycelfähige Stoffe verstärkt berücksichtigen: hochkomplexe und besonders schadstoffbelastete Schiffe würden eine „vielversprechende Nische“ darstellen, so Lupow.
Die Emder Werft und Dock GmbH hat als erstes deutsches Unternehmen die Betriebszulassung zum Schiffsrecycling bekommen
Dass es für deutsche Schiffbau-Unternehmen zumindest ein lukratives Zusatzgeschäft sein kann, Stahlschrott und andere Wertstoffe beim Abbruch alter Schiffe zurückzugewinnen, und dass die Werften an Nord- und Ostsee zukünftig neben Neubau- und Reparaturgeschäft mit dem Recycling ein interessantes Geschäftsfeld finden können, zeigt die Emder Werft und Dock GmbH (EWD): als erstes deutsches Unternehmen hat dieses Unternehmen für ihre neu gegründete Tochter EWD Benli Recycling GmbH & Co. KG die Betriebszulassung zum Schiffsrecycling bekommen.
Das Genehmigungsverfahren für das Schiffsrecycling auf dem Gelände eines Schiffbaubetriebes folgt im Grunde den gleichen Abläufen wie andere Verfahren auch – nur das Vorhaben selbst ist noch vergleichsweise neu. „Wir haben eine Bestandswerft, also keine neuen Anlagen, aber es gibt neue Auswirkungen“, erläuterte Martina Johannsen, die das Emder Projekt seitens des Staatlichen Gewerbeaufsichtsamtes Oldenburg begleitete.
Obwohl die Arbeiten beim Abbruch denen beim Umbau oder der Reparatur eines Schiffes gleichen, ist eine Erweiterung der Betriebsgenehmigung nach den rechtlichen Bestimmungen für die Abfallbehandlung und den Immissionsschutz erforderlich. Die beteiligten Behörden müssen für die Zulassung innerhalb bestimmter Fristen agieren, betonte Johannsen.
Die Betriebsgenehmigung für die Recycling-Tochter der Emder Werft hat auch einen symbolischen Wert: am 26. Juni 2025 trat die sogenannte Hong Kong-Convention über das „sichere und umweltgerechte Recycling von Schiffen“ in Kraft. Das Übereinkommen soll dem bislang üblichen, umwelt- und gesundheitsgefährdenden Abbruch von Alttonnage an Stränden – vornehmlich in Asien – ein Ende setzen.
Grundsätzlich erwarten Fachleute für die kommenden Jahre eine stark wachsende Nachfrage nach Recycling-Kapazitäten
Grundsätzlich erwarten Fachleute für die kommenden Jahre eine stark wachsende Nachfrage nach Recycling-Kapazitäten. „Die Welthandelsflotte hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt, ist im Schnitt über 20 Jahren alt“, erläuterte der Veranstaltungsmoderator Henning Gramann, der sich mit seinem Unternehmen GSR-Services GmbH als internationaler Berater seit vielen Jahren mit dem Thema befasst.
Nach seiner Überzeugung können bis zu 98 Prozent der in einem Schiff verbauten Materialien verwertet werden; insbesondere für den Schiffbaustahl werde es angesichts des hohen Schrottbedarfs in der Stahlindustrie eine große Nachfrage geben. Gramann sieht Deutschland in einer besonderen Verantwortung für ein sicheres und sauberes Schiffsrecycling: „Deutschland ist führend bei der Herstellung maritimer Komponenten, dem Kreuzfahrt- sowie Spezialschiffbau und weltweit auf Platz 7 der Schifffahrt. Das schafft Verantwortungen, die über Bau und Betrieb von Schiffen hinausgehen.“
Und auch zukünftig will EWD ganz vorne mit dabei sein, wenn es um technologische Innovationen geht, weshalb sie sich im vom MCN initiierten ZIM Netzwerk ShipRec engagieren. Dieses Netzwerk wurde von Dr. Daniela Köster von der EurA AG vorgestellt. Es ist eine Plattform für technologische Entwicklungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette des nachhaltigen Schiffsrecyclings – mit dem Ziel, einen skalier- und übertragbaren Rückbauprozess für maritime Großstrukturen zu entwickeln, der moderne Trennverfahren, Digitalisierung und Demontage-Management integriert.
Was beim Recyceln von Schiffen bereits funktioniert, hat auch Auswirkungen auf große und kleine Sportboote, die größtenteils aus Kunststoffen bestehen
Was beim Recyceln von Schiffen bereits funktioniert, hat auch Auswirkungen auf große und kleine Sportboote, die größtenteils aus Kunststoffen bestehen. Auch hier können erste Entwicklungen beobachtet werden, GfK-Boote und -Yachten aus dem privaten Bereich nicht nur ordnungsgemäß zu entsorgen – was bereits einen deutlichen Fortschritt per se darstellt – sondern diese, soweit es möglich ist, sogar zu recyceln.
Dabei ist der Werkstoff GFK, der bei etwa 80 Prozent aller Boote der letzten 50 Jahre die Basis bildet, überaus problematisch – Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff, GfK lässt sich nicht einfach wieder einschmelzen, und zumeist bildet das Plastik des Bootskörpers unlösbare Verbindungen mit anderen Bauteilen, die zum Teil aus anderen Werkstoffen bestehen. Schätzungen zufolge gibt es zurzeit mindestens rund 30.000 GfK-Schrottboote, die entsorgt werden müssen, und es werden immer mehr.
Vor diesem Hintergrund wird das Boots-Recycling von GfK-Sportbooten immer relevanter. Die Herausforderung besteht darin, passende Recyclingprozesse zu organisieren, wobei die Rückgewinnung der hochwertigen Rohstoffe (im Vergleich zum Beispiel zu Booten, die Rümpfe aus Metall haben) bei Kunststoffen sehr aufwendig und anspruchsvoll ist, was auch den Preis nach oben treibt.
Trotzdem – oder gerade deshalb – haben sich einige Boots-Recycler dieser Herausforderung gestellt – hier eine beispielhafte Übersicht, nach Ländern geordnet (kein Anspruch auf Vollständigkeit).
Info Boots-Recycling in Deutschland, Frankreich, Österreich, Kroatien, Schweiz, Italien:
Deutschland
Beispiel Deutschland: hier bietet seit einiger Zeit die Hamburger Firma ReBoat Maritime Recycling die komplette Boots-Entsorgung an, nach eigenen Angaben werden die Arbeiten dabei streng nach den KrWG (Kreislaufwirtschaftsgesetz) durchgeführt. Der Ablauf der Entsorgung läuft wie folgt ab: Anfrage, Abholung des Bootes mit eigenen LKW, alternativ eigene Anlieferung, Trockenlegung des Bootes, Gefahrstoffentfernung, Klassifizierung der Rohstoffe, Materialstoff – Distribution.
ReBoat habe nach eigenen Angaben sowohl die technischen als auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten erkannt und genutzt, denn nur durch diese Kombination könne man eine wirtschaftliche Entsorgung anbieten. Ohne die optimale Rohstoff-Rückgewinnung würden die Entsorgungskosten je nach Boot und Bauweise, schnell deutlich über 1.000 Euro pro Tonne liegen. Bei ReBoat könne die Boots-Entsorgung dagegen wesentlich preiswerter angeboten werden.
Die Berliner Firma „Die Bootsbestatter“ – eine Kooperation zwischen Blueboating.de Berlin Andreas Wolter und Ihr-Yachtgutachter.de Teut Juncker in der Marina Lanke Berlin Spandau – sind hauptsächlich in Berlin und Brandenburg sowie in Mecklenburg-Vorpommern tätig, ggf. aber auch in ganz Deutschland. Auch hier gibt es die Möglichkeit der Abholung / eines Abtransportes, und auch hier gibt es – wie auch bei ReBoat – auf der Website einen Online-Kostenkalkulator, um eine erste Einschätzung des Preises zu erhalten.

Auch die Firma AES-Berlin verwertet Boote aller Art, mit eigenem Fuhrpark kann auch hier ein Europaweiter Abtransport der zu recycelnden Boote gewährleistet werden. Wichtig: nach Abschluss der Arbeiten sollte dem ehemaligen Eigner ein Entsorgungsnachweis ausgehändigt werden – dieser dokumentiert die fachgerechte Beseitigung des Bootes und kann bei Versicherungen sowie Behörden zur Abmeldung vorgelegt werden.
Frankreich
Frankreich ist beim Recycling von Booten bereits seit mehreren Jahren aktiv und agiert vorbildlich. Hier verwaltet die Association pour la Plaisance Eco-Responsable (APER), eine nationale Umweltorganisation, die vom Französischen Ministerium zugelassen ist, den Rückbau und das Recycling von Sport- und Segelbooten. Das funktioniert überaus gut und hat sich über die Jahre bestens bewährt: Hersteller und Importeure zahlen der APER einen sogenannten Ökobeitrag für jedes in Frankreich verkaufte Boot – und finanzieren somit die Entsorgung der Alt-Boote zu einem Teil mit.
Privatpersonen können ganz einfach über einen Online- Antrag die Entsorgung des Bootes beantragen, der Clou: die Entsorgung ist für sie dann komplett kostenlos. Der Eigner muss lediglich für die Transportkosten zu den jeweiligen registrierten Entsorgungsunternehmen der APER aufkommen. Bei den Entsorgungszentren werden die Boote dann fachgerecht zurückgebaut und die Materialien – soweit möglich – recycelt, außerdem wird das Boot dann automatisch abgemeldet. Die APER arbeitet – Stand heute – bereits mit 35 zugelassenen Entsorgungszentren in Frankreich zusammen.
Österreich
In Österreich besorgen ebenfalls mehrere Firmen das Recycling von Booten. Die Firma Vorwagner Kreislaufwirtschaft in Gmunden macht nach Vorabbesichtigung einen Kostenvoranschlag, einigt man sich auf diesen, wird die Entsorgung übernommen; Abholung oder Eigen-Anlieferung sind möglich. Die Saubermacher-AG mit Standort in Krems sowie deren Partner Unternehmen L&S Recycling in St.Pölten bieten ebenfalls das Recyceln von Booten an – hier muss jedoch selbst angeliefert werden.
Gleich mehrere Entsorgungsfirmen bieten darüber hinaus Container für GFK-Abfall an, dazu muss das Boot selbst komplett entkernt und zerlegt sowie die unterschiedlichen Materialien getrennt werden. Die Preise variieren stark, es kommt vor allem auf Containergröße, Standort und Dauer der Aufstellung des Containers an.
Kroatien
Wer in Kroatien die Entsorgung eines Bootes plant, hat nur wenig Möglichkeiten. Eine davon ist die Firma Metis d.o.o., einer der wenigen professionellen Dienstleister, die sich auf die Entsorgung von Booten spezialisiert haben und dafür auch eine eine ordnungsgemäße Rechnung bzw. einen Nachweis für eine ordnungsgemäße Entsorgung auszustellen bereit und in der Lage sind. Es gibt jedoch einige Werftbetriebe, die sich in Kroatien auf die Abwrackung von Fischerbooten spezialisiert hat, auch hier lohnt eine Nachfrage für die Entsorgung / das Recyceln von Pleasure Boats: Brodogradiliste in Cres, Jadransirovina in Ploce, Kvarnerplastika in Rijeka, Leda in Korcula, Montmontaza Greben in Vela Luka, Nauta Lamjana in Kali, Odisej in Kastel Stafilic und Tehnomont Brodogradiliste in Pula.
Schweiz
In der Schweiz können beispielsweise bei der Bootswerft Meier in Pfäffikon / Zürich Boote fachgerecht entsorgt werden, weiterverwendbare Motoren oder Bootsanhänger werden dem Kunden gutgeschrieben. Angebote werden individuell erstellt, auch eine Abholung der Boote ist möglich.
Italien
Boot Recycling Italien: die Abwrackung eines Schiffes wird hier vollständig von PR Ecology durchgeführt, dem einzigen Unternehmen in Italien, das über alle Genehmigungen für den gesamten Zyklus verfügt, von der Zerlegung der Boote über den Transport bis hin zur Entsorgung in einer zugelassenen Anlage.










