Es sind Szenen, wie man sie eher aus dem Pazifik kennt als aus der Adria. Am Nachmittag des 20. Juli 2026 schießt das Meerwasser im Hafen von Mali Lošinj plötzlich über Kaianlagen und Promenade. Straßencafés stehen innerhalb weniger Sekunden unter Wasser, Passanten flüchten, Boote werden an ihren Festmachern herumgerissen. Kurz darauf zieht sich das Wasser ebenso abrupt wieder zurück. Einige Sportboote hängen schief an ihren Leinen, andernorts fällt der Hafenboden nahezu trocken.
Ausgelöst wurde das Ereignis nicht durch ein Seebeben, sondern durch einen Meteotsunami – ein seltenes meteorologisches Phänomen, das gerade in der kroatischen Adria immer wieder auftritt und für Wassersportler erhebliche Gefahren birgt.
Die Fotos, die vom örtlichen SeaHelp-Captain Stanko Kovačević aufgenommen wurden, dokumentieren die Folgen eindrucksvoll: Boote liegen plötzlich tief unterhalb der Kaimauer, Schwimmstege haben ihre Höhe verändert, Festmacher stehen unter extremer Spannung.

Tsunami aus der Atmosphäre
Der Begriff klingt widersprüchlich – tatsächlich unterscheidet sich ein Meteotsunami grundlegend von einem klassischen Tsunami. Während Letzterer durch Erdbeben oder Hangrutschungen auf dem Meeresboden entsteht, wird ein Meteotsunami von der Atmosphäre ausgelöst.
Verantwortlich sind meist rasche Luftdruckänderungen, die mit Gewitterfronten oder sogenannten Squall Lines einhergehen. Bewegt sich eine solche Druckwelle mit nahezu derselben Geschwindigkeit wie die natürliche Ausbreitung einer Wasserwelle, überträgt sie ihre Energie auf die Meeresoberfläche. Meteorologen sprechen von einer Proudman-Resonanz.
Gefährlich wird das Phänomen dort, wo langgezogene Buchten oder schmale Hafenbecken die Wasserbewegung zusätzlich verstärken. Es entsteht eine sogenannte Seiche – eine stehende Schwingung, die den Wasserstand innerhalb weniger Minuten um mehr als einen Meter steigen oder fallen lassen kann.
Warum gerade Kroatien?
Die östliche Adria zählt weltweit zu den am besten untersuchten Meteotsunami-Regionen. Besonders betroffen sind seit Jahrzehnten Vela Luka auf Korčula, Stari Grad auf Hvar und Mali Lošinj. Für das Phänomen existiert sogar ein eigener kroatischer Begriff: Šćiga – regional auch Seš.
Dass die Ereignisse vergleichsweise häufig auftreten, liegt vor allem an der Geografie. Viele Hafenbecken wirken wie Resonanzkörper, in denen sich die Wasserschwingungen zusätzlich aufschaukeln.
Die eigentliche Gefahr kommt oft erst danach
Viele Augenzeugen nehmen lediglich die erste Flutwelle wahr. Für Sportboote beginnt das eigentliche Problem jedoch häufig erst mit dem anschließenden Rückgang des Wassers.
Meteotsunamis bestehen meist aus mehreren Schwingungen. Der Pegel steigt, fällt anschließend rapide und kann kurz darauf erneut ansteigen. In den Häfen entstehen dabei starke Querströmungen, die Festmacher und Klampen extrem belasten.
Besonders gefährdet sind Boote, die mit kurzen, straff durchgesetzten Leinen vertäut sind. Sinkt der Wasserstand plötzlich, können sie regelrecht an den Festmachern „aufgehängt“ werden. Steigt das Wasser anschließend wieder an, drohen heftige Stöße gegen Kaimauern oder Dalben.
Kann man einen Meteotsunami vorher erkennen?
Eine sichere Vorhersage bleibt schwierig. Dennoch gibt es Warnsignale.
Typisch sind rasch heranziehende Gewitterlinien, plötzliche Luftdrucksprünge, Fallböen und schnelle Winddrehungen. Moderne Wettermodelle können Regionen mit erhöhtem Risiko inzwischen recht zuverlässig identifizieren. Wann sich die Wasserstände tatsächlich aufschaukeln und welcher Hafen betroffen sein wird, lässt sich jedoch häufig erst sehr kurzfristig abschätzen.
Was Sportskipper beachten sollten
Wer in der kroatischen Adria unterwegs ist, sollte Gewitterwarnungen nicht allein wegen Wind und Welle ernst nehmen.
Vor dem Törn:
- Wetterberichte des DHMZ regelmäßig verfolgen.
- Bei angekündigten Gewitterlinien möglichst keine engen Hafenbecken anlaufen.
- Festmacher und Fender auf außergewöhnliche Wasserstandsschwankungen vorbereiten.
Im Hafen:
- Leinen nicht übermäßig straff setzen.
- Lange Vor- und Achterleinen sowie Springs verwenden.
- Großzügig fendern und Klampen regelmäßig kontrollieren.
- Motor bei heranziehenden Gewittern startklar halten.
Vor Anker:
- Genügend Schwojkreis einplanen.
- Ankeralarm aktivieren.
- Auf plötzliche Strömungswechsel vorbereitet sein.
Das Motto lautet: Ruhe bewahren
Trifft ein Meteotsunami überraschend ein, gilt vor allem eines: Ruhe bewahren. Festmacher sollten niemals unter hoher Last von Hand gelöst werden. Ebenso wenig empfiehlt es sich, hektisch auszulaufen. Außerhalb enger Buchten ist die Welle meist deutlich schwächer ausgeprägt als im Hafen. Kritisch wird es erst dort, wo sich ihre Energie an Molen, Hafenbecken oder trichterförmigen Buchten bündelt.













