Wie ein kaum bekanntes System einem Einhandsegler das Leben rettete – und warum auch Fahrtensegler wissen sollten, wie es funktioniert.
489 Seemeilen vor der Küste Oregons endet die Reichweite von Rettungshubschraubern. Als dort Ende Mai ein 74-jähriger Einhandsegler mit gebrochenem Mast, ausgefallener Maschine und einer Schulterverletzung auf seiner nur neun Meter langen Yacht manövrierunfähig im Pazifik trieb, schienen die Aussichten denkbar schlecht. Wenig später wurde er dennoch wohlbehalten von einem vorbeifahrenden Luxus-Kreuzfahrtschiff aufgenommen. Möglich machte dies ein System, das außerhalb der Berufsschifffahrt kaum bekannt ist: AMVER
Doch entgegen einer weit verbreiteten Annahme hatte der Segler das System keineswegs „an Bord“. Tatsächlich handelt es sich bei AMVER weder um einen Notrufsender noch um ein elektronisches Gerät, das installiert werden muss. Vielmehr ist es ein weltweites Netzwerk der internationalen Handelsschifffahrt – und genau das macht es für Fahrtensegler so interessant.
Das Prinzip: Retter finden statt Gerettete suchen
AMVER steht für Automated Mutual-Assistance Vessel Rescue System und wird seit 1958 von der U.S. Coast Guard betrieben. Das freiwillige System verfolgt ein einfaches Ziel: Im Notfall soll möglichst schnell das Schiff ermittelt werden können, das einem Havaristen am schnellsten zu Hilfe kommen kann.
Dazu melden tausende Handelsschiffe, Tanker, Frachter, Kreuzfahrtschiffe und andere hochseetaugliche Berufsschiffe regelmäßig ihre geplante Route, ihre Position sowie Änderungen ihres Reiseverlaufs an das AMVER-Zentrum. Aus diesen Daten entsteht ein nahezu aktuelles Lagebild der weltweiten Schifffahrt. Geht irgendwo auf hoher See ein Notruf ein, können Seenotleitstellen innerhalb weniger Minuten feststellen, welche Schiffe sich in Reichweite befinden und für eine Rettungsaktion infrage kommen.
Im Fall des kanadischen Einhandseglers fiel die Wahl auf das Kreuzfahrtschiff SILVER WHISPER, das seinen Kurs änderte und den Mann schließlich sicher an Bord nahm. Ohne AMVER hätte die Suche nach einem geeigneten Rettungsschiff deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen können – Zeit, die auf hoher See oft über Leben und Tod entscheidet.
Der eigentliche Lebensretter
Den ersten Schritt zur Rettung machte allerdings nicht AMVER selbst, sondern ein Satellitenkommunikationsgerät, mit dem der Segler Kontakt zur U.S. Coast Guard aufnehmen konnte. Erst nachdem seine Position und seine Notlage bekannt waren, kam AMVER ins Spiel und half dabei, den bestgeeigneten Helfer zu identifizieren.
Gerade darin liegt die Stärke des Systems: Es ersetzt keinen Notruf, sondern ergänzt die internationale Seenotrettung um ein intelligentes Netzwerk möglicher Retter.
Kein Gerät, keine App, keine Installation
Für Sportbootfahrer wichtig zu wissen: AMVER lässt sich weder kaufen noch installieren. Es gibt keinen Hersteller, keine Antenne und keinen Sender. Das System wird ausschließlich von der U.S. Coast Guard betrieben und steht den internationalen Seenotleitstellen zur Verfügung.
Die teilnehmenden Berufsschiffe übermitteln ihre Positions- und Routendaten über ihre vorhandenen Kommunikationssysteme. Für sie ist die Teilnahme freiwillig und kostenlos.
Welche Bedeutung hat AMVER für Sportskipper?
Obwohl Sportboote in der Regel nicht selbst am AMVER-System teilnehmen, profitieren sie im Ernstfall unmittelbar davon. Gerät eine Yacht mitten auf dem Atlantik, im Pazifik oder im Indischen Ozean in Seenot, können Rettungsleitstellen mithilfe von AMVER innerhalb kurzer Zeit feststellen, welches Handelsschiff oder Kreuzfahrtschiff Hilfe leisten kann.
Gerade auf Hochseepassagen sind Schiffe häufig die einzigen verfügbaren Rettungsmittel. Während Hubschrauber meist nur einige hundert Seemeilen von der Küste entfernt operieren können, befinden sich Handelsschiffe oft bereits in unmittelbarer Nähe des Havaristen.
Für Blauwassersegler gehört AMVER deshalb zu den unsichtbaren Sicherheitsnetzen der Weltmeere – auch wenn sie selbst daran gar nicht teilnehmen.
Was Fahrtensegler daraus lernen können
Der aktuelle Rettungsfall zeigt eindrucksvoll, dass moderne Hochseesicherheit aus mehreren Bausteinen besteht. Entscheidend ist zunächst, überhaupt einen Notruf absetzen zu können. Für Hochseepassagen zählen deshalb heute 406-MHz-EPIRBs, Satellitenkommunikatoren oder Satellitentelefone zur wichtigsten Sicherheitsausrüstung an Bord. Erst wenn eine Seenotleitstelle von der Notlage erfährt, kann sie mithilfe von Systemen wie AMVER geeignete Rettungsschiffe koordinieren.
Für Küstenreviere wie die Ostsee, die Nordsee, die Adria oder das westliche Mittelmeer spielt AMVER dagegen eine deutlich geringere Rolle. Dort übernehmen in der Regel nationale Seenotrettungsdienste, Küstenwachen und Rettungshubschrauber die Einsätze. Oder man informiert – bei nicht lebensbedrohlichen Havarieren oder Problemen auf See – ganz einfach mittels der Alarmfunktion der kostenlosen und praktischen SeaHelp-App Europas größten nautischen Pannendienst SeaHelp.
24h NOTRUF EUROPA: 0043 50 43 112
In einem Notfall können die Einsatzboote von SeaHelp mittels der praktischen SeaHelp-App, oder unter der kostenlosen Notrufnummer für Europa 0043 50 43 112 (bzw. unter der alternativen Notrufnummer für Europa 00385 919 112 112 gerufen werden.
Download SeaHelp-App:
Im Hintergrund arbeitet ein weltumspannendes Sicherheitsnetz
Die spektakuläre Rettung des Einhandseglers vor der amerikanischen Westküste macht deutlich, wie eng moderne Kommunikation und internationale Zusammenarbeit heute miteinander verzahnt sind. Nicht AMVER allein rettete dem Segler das Leben – aber ohne das weltweite Netzwerk der teilnehmenden Handelsschiffe wäre der nächste geeignete Helfer vermutlich deutlich später gefunden worden.
Für Sportskipper ist AMVER deshalb vor allem eines: ein beruhigendes Wissen. Wer auf den Ozeanen unterwegs ist, segelt nicht allein. Im Hintergrund arbeitet ein weltumspannendes Rettungsnetz, das im Ernstfall aus einem vorbeifahrenden Frachter oder Kreuzfahrtschiff innerhalb kürzester Zeit einen Lebensretter machen kann.













