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Tödlicher Bootsunfall vor Mallorca: Führerscheinfrei heißt nicht sorgenfrei

Nach dem tödlichen Kentern eines kleinen Mietbootes vor Mallorca stellt sich erneut die Frage, wieviel Erfahrung man braucht, um ein Boot sicher zu führen. Der Unfall zeigt: Was rechtlich erlaubt ist, muss seemännisch noch lange nicht vernünftig sein.

Es sollte ein Familienausflug werden. Sechs Menschen hatten auf Mallorca ein kleines Motorboot gemietet. Am 18. August kenterte es rund 100 Meter vor der Küste bei s’Estanyol. Ein 69-jähriger Mann starb, die übrigen Insassen konnten gerettet werden. Die Guardia Civil untersucht den Unfall.

Nach Aussagen der Betroffenen hatte die Familie bemerkt, dass die Bedingungen schwieriger wurden, und wollte deshalb zurückkehren. Dann soll eine Welle über den Bug gekommen sein und Wasser ins Boot gebracht haben. Eine weitere Welle folgte – das Boot kenterte.

„Ob Fahrfehler, Beladung, Wetter oder mehrere Faktoren zusammen zu dem Unglück führten, ist noch ungeklärt. Schuldzuweisungen verbieten sich deshalb. Einige seemännische Lehren lassen sich dennoch ziehen“, sagt SeaHelp-Baleares-Leiter Robert Perger.

Kleine Boote haben kleine Reserven

Ein nur wenige Meter langes, vollbesetztes Motorboot reagiert empfindlich auf Seegang und Gewichtsverlagerungen. Bewegen sich mehrere Personen gleichzeitig nach vorn oder auf eine Seite, verändert sich der Trimm. Mit zunehmender Beladung sinkt zudem der Freibord.

Kommt Wasser über den Bug oder die Bordwand, kann sich die Situation schnell verschärfen: Zusätzliches Wasser erhöht das Gewicht und verringert die verbleibenden Reserven. Die nächste Welle trifft dann ein Boot, das bereits wesentlich gefährdeter ist.

Die maximal zulässige Personenzahl sollte deshalb als Obergrenze verstanden werden – nicht als Empfehlung, sie bei jedem Wetter auszuschöpfen.

Rechtzeitig umkehren

„Gute Seemannschaft beginnt zudem lange vor der ersten kritischen Welle. Wind und Seegang müssen während eines Törns beobachtet werden. Gerade mit kleinen Booten sollte die Entscheidung zur Rückkehr frühzeitig fallen“, sagt Perger, der den SeaHelp-Service Baleares S.L. in Santa Ponsa auf Mallorca leitet (Kontakt: Tel. +34 646 086 090, E-Mail mallorca@sea-help.eu).

Werde die See stärker, seien Geschwindigkeit und Kurs anzupassen. Hektisches Wenden könne gefährlich werden, weil das Boot während des Manövers zeitweise quer zur Welle gerate. Eine allgemein gültige Gradzahl für den richtigen Winkel gebe es nicht – Rumpfform, Geschwindigkeit und Wellenbild würden sich einfach zu stark unterscheiden.

Sein Rat: Wer wenig Erfahrung besitze, solle deshalb nicht ausprobieren, wo die Grenze seines Bootes liegt.

Rettungswesten gehören an den Körper

Nach dem Unfall wird auch untersucht, welche Rettungsmittel vorhanden waren und ob sämtliche Vorschriften eingehalten wurden. Über das Ergebnis sollte nicht spekuliert werden.

Unabhängig davon gilt: Auf kleinen offenen Booten gehören Rettungswesten bei zunehmendem Seegang an den Körper – insbesondere bei Kindern und Nichtschwimmern. Kentert ein Vier- oder Fünf-Meter-Boot plötzlich, bleibt keine Zeit mehr, Westen aus einem Staufach zu holen.

Das Missverständnis vom „führerscheinfreien Boot“

Der Unfall wirft aber auch eine grundsätzlichere Frage auf. Kleine Motorboote bis fünf Meter Länge und maximal 15 PS dürfen in Spanien bislang unter bestimmten Voraussetzungen ohne nautischen Befähigungsnachweis gefahren werden. Die Fahrt ist auf Tageslicht und höchstens zwei Seemeilen Entfernung vom Ausgangspunkt beschränkt.

Das Problem steckt bereits im Begriff „führerscheinfrei“. Ein Motor lässt sich nach einer kurzen Einweisung bedienen. Seemannschaft dagegen nicht.

Wann wird eine Welle für mein Boot kritisch? Wie verändert eine voll besetzte Crew den Trimm? Wie fahre ich gegen die See? Wann muss ich umkehren? Und was ist zu tun, wenn bereits Wasser an Bord gelangt? Dafür braucht man nicht unbedingt einen Führerschein – aber Wissen und Erfahrung.

Spanien verschärft die Regeln

Bemerkenswert ist deshalb, dass Spanien die Vorschriften bereits vor dem aktuellen Unglück geändert hat. Zum 1. Oktober 2026 wird die bisherige Ausnahme von der Führerscheinpflicht für entsprechende Kleinboote auf private beziehungsweise sportliche Nutzung beschränkt. Für die gewerbliche Vermietung gelten damit strengere Anforderungen.

Die Begründung des Gesetzgebers ist bemerkenswert deutlich: Verwiesen wird ausdrücklich auf die hohe Zahl von Zwischenfällen und Unfällen bei solchen Mietaktivitäten.

SeaHelp – Fünf Regeln für kleine Mietboote:

  1. Frühzeitig umkehren: Nicht warten, bis bereits einzelne Wellen problematisch werden.
  2. Beladung ernst nehmen: Die maximal zulässige Personenzahl ist eine Obergrenze; Gewicht gleichmäßig verteilen.
  3. Rettungswesten rechtzeitig anlegen: Bei zunehmender See gehören sie an den Körper, nicht in die Backskiste.
  4. Wellen aktiv fahren: Geschwindigkeit reduzieren, Kurs zur See anpassen und abrupte Wendemanöver vermeiden.
  5. Hilfe lieber zu früh rufen – am besten ganz einfach über die praktische und kostenlose SeaHelp-App: Wer Wasser übernimmt, den Motor verliert oder das Boot nicht mehr sicher kontrollieren kann, sollte nicht warten, bis daraus akute Seenot wird.
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