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Historische Rettung vor Mallorca: Segelyacht OWL entkommt in letzter Minute dem Bagger

Bergung Segelyacht OWL am Strand von Palmanova / Mallorca
© Passmore

Die 117 Jahre alte Segelyacht OWL strandete vor Mallorca – und wurde in letzter Minute gerettet. Hinter dem weißen Holzrumpf verbirgt sich eine erstaunliche Geschichte aus britischer Yachtbaukunst, Größenwahn, Weltreisen, Diebstahl und Wiederauferstehung.

Fast drei Monate lang lag sie aufrecht im Sand von Palmanova: ein weißer Rumpf, zwei hölzerne Masten und ein langer Bugspriet, dahinter die Hotels und Apartmenthäuser des mallorquinischen Ferienortes, SeaHelp berichtete zuletzt am 9.12.2025 über die „Bucht der gestrandeten Yachten“ in Playa Son Maties in Palmanova.

Was war geschehen? Die OWL, eine 1909 in Southampton gebaute Gaffelketsch, hatte sich Anfang Januar 2026 während eines Sturms von ihrer offenbar nicht registrierten Winterboje losgerissen und war auf den Strand von Son Maties getrieben worden.

Dort drohte ihre Geschichte zu enden. Der Eigentümer hatte nach Angaben des britischen Yachtmanagers Jim Passmore mehrere Bergungsversuche unternommen, verfügte jedoch offenbar weder über eine Versicherung noch über die Mittel und die Logistik für eine professionelle Rettung.

Weil die Tourismussaison näherrückte, setzte ihm die Gemeinde schließlich eine kurze Frist: Sollte kein tragfähiger Plan vorliegen, würden Bagger das Schiff am Strand zerlegen und abtransportieren. Je nach Quelle war von 24 oder 48 Stunden die Rede, wie The Islander Magazine berichtete.

Passmore, Mitgründer des auf Mallorca ansässigen Yachtmanagement-Unternehmens 8 Yachts, kannte die OWL aus Port d’Andratx. Als er sie im Sand liegen sah, begann er, Taucher, Sachverständige, Werften und Behörden zusammenzubringen. Was zunächst wie die Rettung eines alten Charterbootes wirkte, entwickelte sich zu einer gemeinschaftlichen Aktion der mallorquinischen Yachtbranche. Ein nun von ihm selbst veröffentlichter Pressetext beschreibt Passmores Engagement als Ausgangspunkt einer geplanten Restaurierung.

Zentimeterarbeit im flachen Wasser

Die Bergung war technisch heikel. Die „Owl“ lag lediglich in rund 70 Zentimetern Wasser, besitzt aber etwa 2,4 Meter Tiefgang. Ein achtköpfiges Spezialistenteam von Ocean Divers befestigte Leinen an Bug und Heck und bewegte das Schiff zunächst vorsichtig hin und her, um den tief im Sand sitzenden Kiel zu lösen. Anschließend wurden Auftriebskörper unter den Kiel gebracht. Zwei Arbeitsboote, große Anker, Pumpen und Bergungstechnik seien nötig gewesen, um die Yacht Stück für Stück freizubekommen, wie The Islander Magazine weiter berichtet.

 

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Nach dem Freischleppen zeigte sich, dass der Rumpf zwar erstaunlich wenig strukturelle Schäden aufwies, das Schiff jedoch Wasser nahm. Die OWL wurde zunächst nach Calanova geschleppt, wo Passmore über Nacht an Bord blieb und die Pumpen überwachte. Am nächsten Morgen folgte der Weitertransport nach Palma. Dort hob die STP Shipyard die Yacht aus dem Wasser; die Hafenbehörde stellte auf einem benachbarten Gelände Platz für den historischen Rumpf zur Verfügung.

 

 

Von der STP-Werft geht es weiter zu Pendennis Vilanova

Laut Pressetext ist inzwischen der Beschichtungs-Spezialist AkzoNobel an der Restaurierung beteiligt. Das Unternehmen untersuchte den Zustand der Yacht und stellte Produkte seiner Marke International für Unterwasserschiff, Bilgen, Kiel und Freibord zur Verfügung. Genannt werden unter anderem das Antifouling Micron 99 und der einkomponentige Hochglanzlack Toplac Plus. Nach den Arbeiten bei STP soll die OWL nach Vilanova südlich von Barcelona gebracht werden, wo Pendennis Vilanova die lackierten und klarlackierten Innenflächen überarbeiten soll.

Damit ist das Schiff vorerst gerettet. Ob daraus allerdings eine vollständige Restaurierung wird, ist noch nicht entschieden. Passmore sucht aktuell entweder einen finanzstarken neuen Eigentümer oder ein Modell, bei dem Werften, Zulieferer und private Förderer gemeinsam für den Erhalt aufkommen.

 

 

Segelyacht OWL – Gebaut für das edwardianische Zeitalter

Die OWL entstand 1909 in einer Zeit, in der Großbritannien noch das Zentrum des internationalen Yachtbaus war. König Eduard VII. saß auf dem Thron, Dampfschiffe beherrschten bereits den Welthandel, doch bei privaten Yachten galt ein sorgfältig gebauter Segler aus Holz weiterhin als Inbegriff von Stil und Seemannschaft.

Gezeichnet wurde das Schiff von Frederick Shepherd, einem der bemerkenswertesten britischen Konstrukteure seiner Epoche. Shepherd, 1869 geboren, war kein radikaler Rennboot-Designer. Seine Spezialität waren elegante, ausgewogene Fahrtenyachten, die als seefreundlich galten und unter Deck mehr Raum boten als die oft extrem schmalen Regattakonstruktionen jener Jahre.

Nach Stationen bei Arthur E. Payne sowie dem Londoner Makler- und Konstruktionsbüro Lory & Cornwallis eröffnete Shepherd 1899 sein eigenes Büro. Im Verlauf seiner Karriere entstanden laut Amokura: a classic boat archive mehr als 80 Entwürfe.

Das erklärt einen wesentlichen Teil des Charakters der OWL. Sie war kein reinrassiger Renner, sondern eine kräftige, tiefgehende Kreuzeryacht mit breitem nutzbarem Innenraum. Ihr Gaffelketsch-Rigg verteilt die Segelfläche auf zwei Masten und mehrere vergleichsweise handliche Segel. Dadurch lässt sich ein solches Schiff trotz seiner Größe mit einer kleineren Mannschaft kontrollieren.

 

Tauwerk der Segelyacht OWL
© Passmore

 

Zeitgenössische und spätere Beschreibungen wie die Sandeman Yacht Company beschreiben die OWL als ausgewogenes und gutmütiges Seeschiff, das den Atlantik überqueren konnte und zugleich genügend Platz für längere Reisen oder Chartergäste bot.

Die White Brothers von Itchen Ferry

Gebaut wurde die Yacht bei White Brothers am River Itchen in Southampton. Die Werft entstand nach öffentlich zugänglichen Informationen, nachdem Arthur White und seine Familie Anfang der 1890er-Jahre von Cowes auf der Isle of Wight nach Itchen Ferry übersiedelt waren.

Der Betrieb firmierte später als „White Brothers, Yacht Builders, Engineers and Shiprepairers“ und gehörte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu den angesehenen englischen Yachtwerften. Das Gelände lag am westlichen beziehungsweise südwestlichen Ufer des River Itchen im damaligen Werftenviertel von Itchen Ferry, gegenüber dem östlichen Southampton und unweit der heutigen Itchen Bridge.

White Brothers baute Fahrtenyachten, Regattayachten und Motoryachten, häufig nach Entwürfen prominenter Konstrukteure, aber auch nach Plänen des Familienmitglieds Herbert William White. Die Werft war für hochwertige traditionelle Holzarbeit, repräsentative Einzelbauten und große Segelyachten bekannt.

White Brothers baute auch den Big-Class-Gaffelkutter LULWORTH

Ihr berühmtestes Schiff dürfte die 1920 vom Stapel gelaufene LULWORTH sein. Der ursprünglich TERPSICHORE genannte Big-Class-Gaffelkutter wurde für den Geschäftsmann Richard H. Lee gebaut und trat gegen Yachten wie BRITANNIA, SHAMROCK und WESTWARD an. Nach Änderungen an Rigg und Kiel entwickelte sich LULWORTH zu einer erfolgreichen Regattayacht und gilt heute als eine der bedeutendsten restaurierten klassischen Segelyachten.

Weitere bekannte White-Brothers-Bauten waren nach National Hostoric Ships die 1898 gebaute Yawl HELGA, die 1908 entstandene Shepherd-Yacht WAYWARD, die 1914 gebaute Motoryacht KIWI, sowie die 1929 ebenfalls nach Shepherd-Plänen gebaute, knapp 27 Meter lange Ketsch MILENA.

1920 wurde das bis dahin familiengeführte Unternehmen von einem Syndikat übernommen und als White Bros. (Southampton) Ltd mit einem Kapital von 100.000 Pfund neu organisiert. Die Werft existiert heute nicht mehr; das Unternehmen geriet später in Liquidation.

Teile des historischen Werftgeländes und der übrigen Itchen-Ferry-Werften seien im Zuge der industriellen Umgestaltung des Flussufers und des Baus moderner Hafen- und Verkehrsanlagen verschwunden, berichtet bartiesworld.co.uk.

Mehr als ein altes Charterboot

Die OWL ist keine Serienyacht und gehört strenggenommen auch keinem „Bootstyp“ im modernen Sinn an. Sie ist ein individueller Entwurf Frederick Shepherds, eine edwardianische Fahrtenketsch, deren heutige Proportionen durch den radikalen Umbau der 1920er-Jahre (da wurde das Boot durch Einsetzen eines Mittelstücks „verlängert“, wohl um sie schneller zu machen) entstanden.

Ihre Bedeutung liegt weniger in einzelnen Regattaerfolgen als in ihrer weitgehend erhaltenen Substanz und ihrer ungewöhnlichen Lebensgeschichte. Pitchpine auf Eiche, Bronzebeschläge, Gaffelsegel, hölzerne Spieren und traditionelle Oberlichter sind keine nostalgischen Attrappen, sondern Teile eines tatsächlich 1909 gebauten und über Jahrzehnte auf See eingesetzten Schiffes.

Die OWL überstand zwei Weltkriege, wurde auseinandergesägt und verlängert, motorisiert, gestohlen, entmastet im Pazifik wiedergefunden, verlassen, restauriert, über den Atlantik gesegelt, bei Traditionsregatten eingesetzt und schließlich vor Mallorca verchartert. Anfang 2026 fehlten nur wenige Stunden, dann wäre sie unter den Schaufeln eines Baggers verschwunden.

Nun steht der alte Rumpf wieder an Land. Das ist noch keine Rettung für die nächsten hundert Jahre. Eine fachgerechte Restaurierung einer Yacht dieser Größe kann schnell siebenstellige Summen verschlingen. Doch die OWL hat in ihrem langen Leben bereits mehrfach bewiesen, dass sie nur schwer unterzukriegen ist.

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