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GOIOT-Rückruf bei Lagoon: Wenn Notausstiegsluken selbst zum Sicherheitsrisiko werden

Lagoon 42 - Sicherheitsrisiko Notausstiegsluken
KI-generiertes Bild

Lagoon-Katamaran sinkt im Indischen Ozean – obwohl eine bekannte Schwachstelle bereits nachgerüstet worden war. Der Fall wirft Fragen nach der Sicherheit von Notausstiegsluken auf. Betroffen sind potenziell auch ältere Katamarane anderer großer Hersteller. Was Eigner jetzt unbedingt überprüfen sollten.

Mitten in der Nacht schlägt der Wasseralarm an. James „Ted“ Rutledge, 70 Jahre alt, Kanadier und allein unterwegs im Indischen Ozean, greift zur Taschenlampe. Im Steuerbordrumpf seiner Lagoon 42 heben sich bereits die Bodenbretter. Durch eine etwa einen halben Meter große Öffnung strömt Meerwasser ins Schiff. Offenbar hat sich die Verglasung einer Notausstiegsluke gelöst.

Rund 1.000 Kilometer ostsüdöstlich der Weihnachtsinsel, weit entfernt von jeder schnellen Hilfe, wird Rutledge innerhalb weniger Minuten klar, dass er seinen Katamaran nicht mehr retten kann.

Im Interview mit dem australischen Fernsehsender ABC, veröffentlicht am 30. September 2026, beschreibt er später die verhängnisvolle Dynamik: Je mehr Wasser eindrang, desto tiefer geriet die Unterkante der Öffnung unter die Wasseroberfläche – und desto schneller nahm das Boot weiteres Wasser auf. Seine knappe Bilanz: „Ich wusste, dass es vorbei war. Ich musste das Schiff verlassen.“ So zitiert der australische Sender ABC News in seiner Reportage vom 30. September 2026.

Die Rettungsinsel ist inzwischen nicht mehr erreichbar. Rutledge versucht deshalb, das zwischen den Rümpfen hängende Beiboot freizubekommen. Dabei wird seine Hand eingeklemmt. Erst eine Welle befreit sie wieder. Schließlich gelingt ihm die Flucht ins Dinghi. Seine wichtigste „Rettungsleine“ ist in diesem Moment eine Verabredung mit seiner Familie: Regelmäßig meldet er seine Position nach Kanada. Als die Nachrichten ausbleiben, schlägt sein Bruder Alarm.

Die australische Seenotrettungsbehörde AMSA nimmt die Suche auf. Ein Suchflugzeug entdeckt den teilweise gesunkenen Katamaran und den Segler in seinem Beiboot. Aus der Luft werden eine Rettungsinsel, Kommunikationsmittel und Versorgungsgüter abgeworfen. Ein Hubschrauber des australischen Marineschiffs HMAS Supply holt Rutledge schließlich aus seiner Notlage. Nach rund 15 Stunden auf See ist der Kanadier gerettet. Sein Katamaran nicht.

Ausgerechnet die Notausstiegsluke

Das eigentliche Sicherheitsproblem liegt jedoch nicht allein in dem Untergang des Bootes. Es liegt in einer Konstruktion, die im Notfall Leben retten soll – unter ungünstigen Umständen aber – wie geschehen – selbst zur Gefahr werden kann.

Segelkatamarane verfügen über besondere Notausstiege in ihren Rümpfen. Diese sollen einer eingeschlossenen Besatzung im Fall einer Kenterung die Flucht ermöglichen, wenn das Schiff kieloben treibt und die normalen Ausgänge nicht mehr erreichbar sind. Häufig befinden sich die Luken an den Innenseiten der beiden Rümpfe, relativ dicht an der Wasserlinie.

Das bedeutet: Solange der Katamaran aufrecht schwimmt, muss die Luke gegen Spritzwasser, Wellenschlag und teilweise erhebliche Wasserdrücke zuverlässig dicht bleiben.

Bei den hier betroffenen festen GOIOT-Luken wird eine Scheibe aus Sicherheitsglas mit einem Aluminiumrahmen verklebt. Dieser Rahmen ist wiederum mit dem Rumpf verschraubt. Versagt die Verbindung zwischen Verglasung und Rahmen, kann eine große Öffnung entstehen, durch die Wasser ungehindert eindringt.

Dass dies keine rein theoretische Gefahr ist, bestätigt Lagoon selbst. Die Werft schreibt in ihrer offiziellen Rückrufinformation vom 17. Juni 2026, dass die seit 2019 laufende Maßnahme dazu dient, Verglasungen im Fall einer Ablösung im Rahmen zu halten und das Eindringen von Wasser zu verhindern beziehungsweise dessen Risiko zu reduzieren.

Eine Rückrufaktion, vier große Katamaranhersteller

Das Problem ist seit mindestens 2019 bekannt. Am 7. Februar 2020 veröffentlichte die Werft Nautitech eine Mitteilung zur Rückrufaktion des französischen Ausrüsters GOIOT Systems. Darin werden ausdrücklich vier große Katamaranhersteller genannt: Lagoon, Fountaine Pajot, Bali und Nautitech.

Nach Angaben von Nautitech betraf der Rückruf GOIOT-Notausstiegsluken, die vor September 2018 ausgeliefert worden waren. Die Werft nannte für ihre eigene Flotte konkret die Modelle Nautitech 542, 40 Open und 46 Open/Fly aus den Baujahren August 2014 bis 2018.

Lagoon präzisiert in seiner aktuellen Mitteilung vom Juni 2026, dass bei bestimmten Booten der Baujahre 2007 bis 2019 zusätzliche Haltevorrichtungen installiert werden müssen. Diese sollen verhindern, dass sich eine bereits gelöste Scheibe vollständig aus dem Rahmen verabschiedet.

Ein deutscher Lagoon-Händler nennt auf seiner Informationsseite unter anderem die Modelle Lagoon 380, 39, 40, 400, 420, 440, 450, 42, 50, 52, 560, 620 und 630 sowie einige Varianten. Entscheidend ist allerdings nicht allein die Modellbezeichnung, sondern auch, welche Luke im jeweiligen Boot tatsächlich eingebaut ist.

Damit steht fest: Es geht keineswegs ausschließlich um ein Problem eines einzelnen Lagoon-Modells (allerdings bedeutet die Nennung von vier Werften nicht, dass sämtliche Katamarane dieser Hersteller konstruktiv mangelhaft wären. Betroffen sind jeweils bestimmte Baureihen und Ausrüstungen).

Nachgerüstet – und trotzdem gesunken

Besonders kritisch ist die Aussage von James Rutledge, dass seine Lagoon 42 bereits nach der Rückrufaktion nachgerüstet worden sei. Die Arbeiten habe er in Panama durchführen lassen. Im Interview mit ABC machte Rutledge deutlich, dass er bei einem derart kostspieligen Boot darauf vertraut habe, dass die verwendeten Komponenten zuverlässig seien. Er kritisierte die Qualität der Bauteile.

Was sich bislang nicht klären lässt: War das Sicherungskit tatsächlich korrekt montiert? War es zum Unfallzeitpunkt vollständig vorhanden und funktionsfähig? Versagte die Verklebung erneut? Oder war die Luke möglicherweise bereits zu alt beziehungsweise anderweitig beschädigt? Die Antworten sind entscheidend. Denn eine dokumentierte Nachrüstung beweist noch nicht, dass die Sicherung selbst versagt hat.

Auch die Fachzeitschrift YACHT weist in ihrer Berichterstattung vom 12. Oktober 2026 ausdrücklich darauf hin, dass Alter und Zustand der beschädigten Luke sowie die genaue Ursache des Schadens ungeklärt seien.

Bemerkenswert ist außerdem eine ältere Aussage der Werft. Auf ihrer Support-Seite erklärte Lagoon, im April 2019 von einzelnen Fällen erfahren zu haben, in denen sich die Verglasung vom Aluminiumrahmen gelöst hatte und Wasser eingedrungen war. Die Schwachstelle war also schon rund sieben Jahre vor dem Unglück bekannt.

Kein Einzelfall

Bereits im Januar 2023 berichtete die YACHT über den Untergang einer Lagoon 39 in der Karibik. Der Katamaran war 2013 gebaut worden. Nach den damals vorliegenden Indizien war eine nicht ausgetauschte Notausstiegsluke durch den Druck einer Welle aus ihrem Rahmen gedrückt worden. Auch dieser Fall stand im Zusammenhang mit der GOIOT-Rückrufaktion.

Hinzu kommt ein weiterer, 2025 in der Karibik havarierter Lagoon-42-Katamaran, über den die YACHT berichtete. Damit sind mehrere gravierende Wassereinbrüche im Zusammenhang mit Notausstiegsluken öffentlich dokumentiert. Eine belastbare statistische Aussage über die Häufigkeit solcher Schäden oder die Ausfallquote nachgerüsteter Luken lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

 

Vordere Notausstiegsluke eines Katamarans
© alficc | Adobe Stock

 

Die Fälle machen dennoch deutlich, wie schwerwiegend die Folgen sein können. Anders als bei einem langsam undichten Seeventil kann eine vollständig verlorene Lukenscheibe innerhalb kürzester Zeit einen großen Wassereinbruch verursachen. Befindet sich die Öffnung erst einmal unter der Wasserlinie, können auch leistungsfähige Bilgepumpen schnell überfordert sein.

Eine neue Empfehlung sorgt für Fragen: Austausch nach zehn Jahren

Ein wesentlicher Punkt der aktuellen Sicherheitsdiskussion betrifft inzwischen das Alter der Luken. Lagoon schreibt in seiner Mitteilung vom 17. Juni 2026 unmissverständlich, dass die betroffenen GOIOT-Notausstiegsluken nach zehn Jahren ersetzt werden müssen – unabhängig davon, ob das zusätzliche Haltesystem installiert wurde.

Die Werft begründet dies mit der Alterung von Materialien und Klebstoffen durch UV-Strahlung, Temperaturwechsel, Feuchtigkeit und Salzwasser. Das Sicherungskit verlängere nicht die Lebensdauer der Luke.

Der Zulieferer GOIOT selbst formuliert die Regel etwas anders. In seiner Sicherheitsinformation vom 25. April 2025, inzwischen aktualisiert, nennt das Unternehmen eine geschätzte Lebensdauer von zehn Jahren unter „normalen Betriebsbedingungen“. Ein automatischer Austausch sei danach nicht grundsätzlich erforderlich, sofern Einbau, Wartung und mindestens jährliche Kontrollen den Herstellerempfehlungen entsprechen.

Bei Schäden, ungewöhnlichem Verschleiß oder Zweifeln an der Dichtigkeit rät GOIOT jedoch ausdrücklich dazu, bis zur Behebung des Problems nicht mehr auszulaufen.

Der Unterschied ist für Eigner bedeutsam: Während GOIOT eine zustandsabhängige Weiterverwendung über zehn Jahre hinaus unter bestimmten Voraussetzungen zulässt, fordert Lagoon für die von seiner Mitteilung erfassten Luken den Austausch nach Ablauf dieser Frist.

Für betroffene Lagoon-Eigner sollte deshalb im Zweifel die ausdrückliche Vorgabe ihrer Werft maßgeblich sein. Bei anderen Katamaranfabrikaten sind die jeweils aktuellen Herstelleranweisungen einzuholen.

SeaHelp-Service: Was Katamaran-Eigner jetzt überprüfen sollten

1. Zunächst die Luke identifizieren

Prüfen, ob eine GOIOT-Notausstiegsluke eingebaut ist. Modell, Baujahr, Rumpfidentifikationsnummer (HIN) und möglichst die Kennzeichnung beziehungsweise Teilenummer der Luke dokumentieren und von der Werft bestätigen lassen.

2. Rückruf und Nachrüstung nachweisen

Nicht darauf vertrauen, dass ein Vorbesitzer die Arbeiten erledigt hat. Werkstattrechnung, Nachrüstbestätigung und Einbauanleitung kontrollieren. Bei fehlenden Belegen die Werft kontaktieren.

3. Verklebung und Dichtigkeit prüfen lassen

Warnzeichen sind Risse, Ablösungen, ungewöhnliche Spalte, Wasserspuren, Korrosion und sichtbare Veränderungen der Dicht- oder Klebeverbindungen. Eine Sichtkontrolle ersetzt allerdings keine fachgerechte Prüfung.

4. Alter berücksichtigen

Bei einer betroffenen Lagoon-Luke nach zehn Jahren den Austausch veranlassen. Bei anderen Herstellern ausdrücklich nach deren geltenden Austauschintervallen fragen.

5. Keine improvisierten Reparaturen

Sicherheitsrelevante Verglasungen und Haltevorrichtungen sollten nur nach Herstellervorgaben ersetzt oder nachgerüstet werden. Eine eigenmächtige dauerhafte Versiegelung oder der Ausbau einer Notausstiegsluke kann die Fluchtmöglichkeit bei einer Kenterung beeinträchtigen und zulassungsrechtliche Fragen aufwerfen.

6. Auf Seenot vorbereitet sein

Rettungsinsel, EPIRB, Kommunikationsmittel und Notsignale müssen auch bei starkem Wassereinbruch sofort erreichbar sein. Ergänzend empfehlen sich automatische Bilgepumpen, frühzeitig auslösende Wassermelder in beiden Rümpfen und ein klarer Notfallplan. Die AMSA betont nach dem jüngsten Unglück insbesondere die Bedeutung verlässlicher Kommunikationswege und einer Kontaktperson an Land, die bei ausbleibenden Meldungen Alarm schlägt.

(Anmerkung: Sollte eine technische Untersuchung oder eine Stellungnahme der Werft veröffentlicht werden, könnte sich die bisherige Einschätzung der Unfallursache noch verändern. Wir werden dann darüber hier kurzfristig in einem Update berichten).

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